FRAUEN-
UND BERUFSPORTRÄT / Anja Ueberschär ist Baumpflegerin
Mit Seil und Säge in luftiger Höhe
Heute arbeitet das Team in der Sonnenhalde in Gomadingen - Respekt für
die Natur
In schwindeliger Höhe klettert die junge Frau, gesichert durch Klettergurt
und Seil, von Ast zu Ast. Interessierte Blicke spähen von der Straße
nach oben. Anja Ueberschär ist die Beobachtung der Passanten gewöhnt.
Die 30-Jährige ist eine der wenigen Baumpflegerinnen im Land.
SABINE ZELLER-RAUSCHER
GOMADINGEN Wie kommt eine junge Frau zu diesem seltenen und körperlich
anstrengenden Beruf? Bei Anja kam diese Eingebung aus dem Bauch heraus.
Nach dem Abitur hat sie sich für Jura entschieden, jedoch schnell
bemerkt, dass dies wohl nicht das Richtige für sie ist.
Darauf hin hat sie sich an der Uni in Freising für Forstwissenschaft
eingeschrieben und das Studium mit Diplom abgeschlossen. Die Türen
für den Staatsdienst standen ihr offen, doch überwiegend in
einer Amtsstube zu sitzen, kam für sie nicht in Frage. Zu sehr wäre
sie von Vorschriften umgeben und in ihrer Freiheit eingeschränkt
gewesen. Anja sieht es als Glück, dass sie Menschen kennen gelernt
hat, die ihr zeigten, wie man Bäume fachgerecht schneidet. Und wieder
einmal sagte ihr Bauch, dass dies ihre Zukunft sein wird. Mit 28 Jahren
meldete sie ihre eigene Firma an. Als Baumkletterer braucht man neben
Mut und Schwindelfreiheit einen guten Bezug zum Baum und viel Fachwissen.
Hüftgurt, Seile, Helm und Säge sind Hauptbestandteile des Arbeitsmaterials.
Totes und morsches Holz wird aus den Bäumen geschnitten, um die Verkehrssicherheit
zu gewährleisten. Auch Fassaden freischneiden oder Äste einkürzen,
die auszubrechen drohen, gehören zu den Aufgaben eines Baumpflegers.
Ab und zu muss ein Baum auch gefällt werden, wobei Anja immer erst
genau abwägt, ob es noch eine andere Möglichkeit gibt, den Baum
zu erhalten, beispielsweise durch Einkürzung oder durch den Einbau
einer Kronensicherung. Ein Baum lebt und hat Bedürfnisse und Ansprüche,
die von einem einfühlsamen Baumpfleger respektiert werden, um den
Baum gesund zu erhalten. Teilt sich ein Baum in zwei Stämmlinge,
ist es für die Statik wichtig, den Baum zurückzukürzen,
um ein Ausbrechen bei starkem Wind zu vermeiden. Nur wer die Seilklettertechnik
beherrscht, kommt in den Fein- und Schwach-astbereich, so ist der Schnitt
von außen her kaum zu erkennen. Anja tut es immer weh, wenn sie
am Wegesrand oder in Gärten Bäume sieht, die völlig verstümmelt
wurden. Für sie ist es eine Entwürdigung des Baumes, gerade
so als würden dem Menschen Arme und Beine abgeschnitten. In Heidelberg
und Berlin gibt es eine freiwillige Ausbildung zum Fachagrarwirt für
Baumpflege, leider gibt es keine offizielle Baumpflegerausbildung. Jeder
kann sich Baumpfleger nennen, der Bäume schneidet. Ein Zustand, den
die Fachfrau bedauert, denn laienhafter Schnitt gehe auf Kosten der Bäume.
Der Arbeitsradius der Gomadinger Baumpflegerin zieht sich durchs ganze
Land, auch in Stockholm und in der Schweiz wurde sie schon engagiert.
In diesem Jahr wurden die Bäume auf der Insel Mainau von ihr gepflegt.
Vielen Auftraggebern erscheint ein fachgerechter Baumschnitt erst einmal
teuer, doch ein guter Schnitt hält Jahre. Die Frau mit den blonden
Rastahaaren bedauert es, dass so wenig Frauen in diesem Beruf zu finden
sind. Das Wichtigste in ihrem Beruf ist für sie, eine Harmonie zwischen
Mensch und Baum herzustellen, vor allem in dicht besiedelten Gebieten.
Menschen können ohne Bäume nicht überleben, und Bäume
brauchen den Respekt und das Verständnis der Menschen, um in einer
Welt der zunehmenden Umweltbelastungen zu überleben.
INFO
Am heutigen Mittwoch, 10. September, wird zwischen 9 und 12 Uhr die Esche
in der Sonnenhalde in Gomadingen durch das Baumpflegeteam gepflegt. Nähere
Informationen zum Berufsbild gibt es unter der Telefonnummer 01 74/3 04
05 32.